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Ist ein Fötus nur ein Zellhaufen?

Ethische Erkundungen zu Pro Choice und Schwangerschaftsabbruch1

Dieser Artikel ist eine Überarbeitung des Artikels Ein Fötus ist (k)ein Zellhaufen – Plädoyer für eine differenzierte Sicht auf Schwangerschaftsabbrüche, erschienen im Juli 2017. Er erschien im Oktober 2018 im anarchafeministischen Magazin Nebenwidersprüche.

Singend und betend ziehen sogenannte „Lebensschützer*innen“ durch die Städte, postieren sich vor Abtreibungskliniken und Beratungsstellen und treiben Mitarbeiter*innen, Beratung suchende Personen sowie Personen, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen wollen, in den Wahnsinn. Sie werfen ihnen „Kindsmord“ vor und sprechen von „Massentötungen“. Auch wenn sie aus der Zeit gefallen und eher eine skurille Randerscheinung zu sein scheinen, so treffen sie bei vielen, die über einen Abbruch der Schwangerschaft nachdenken, einen wunden Punkt. Denn eine Entscheidung zu einem Schwangerschaftsabbruch ist keine leichte Sache. Wie ist dieser ethisch zu bewerten? Und ab wann ist diese verdammte befruchtete Eizelle eigentlich ein Mensch?Schwangerschaftsabbruchs-Gegner*innen wie Befürworter*innen gehen wegen dieser Frage auf die Barrikaden. Während für die einen bereits die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ein Kind hervorbringt, sind zentrale Ansichten von Befürworter*innen des Schwangerschaftsabbruchs, dass der Fötus nur ein “Zellhaufen“ sei und dass ein Selbstbestimmungsrecht auch über den schwangeren Körper endlich anerkannt werden muss.

Diese beiden zentralen Anliegen von Pro Choice-Aktivist*innen möchte ich gerne einer genaueren Betrachtung unterziehen, damit wir zu einer differenzierteren Ansicht zum Thema Schwangerschaftsabbruch gelangen können und um uns damit im Kampf gegen Fundis und gegen Abtreibungsgegner*innen zu stärken.

Der Fötus und der Zellhaufen

So ist bei der Deklarierung des Fötusses als “Zellhaufen” festzustellen, dass die Argumentation der christlich-fundamentalistischen Abtreibungsgegner*innen gerne einmal einfach umgekehrt wird. Das “Kind” wird zum “Zellhaufen”, das “Verbrechen” zum “fundamentalen Menschenrecht”. Einfach ein Minus vor die Gleichung zu setzen bedeutet aber, in der Argumentationsweise der Fundis zu verbleiben und sich an derselben Stelle angreifbar zu machen, wie sie es auch tun.

Seit Jahrtausenden wird darüber philosophiert, was einen Menschen ausmacht und ab wann etwas Mensch ist und damit in unserem westlichen heutigen Verständnis eine besondere moralische Entität darstellt, die einen besonderen Schutz, wie das Verbot des Tötens, genießt. Darunter fällt auch die Frage danach, ab welchem Moment im Zeugungsprozess eines Menschen dieser auch Mensch ist. Ab der Verschmelzung von Samen- und Eizelle? Mit Vollendung der Geburt? Irgendwann dazwischen? Oder bereits im Hodensack, wie Gegner*innen eines außerhalb der Gebärmutter stattfindenden Samenergusses meinen? Die berühmte „Paradoxie des Haufens“: Ab wieviel aufeinander gestapelten Sandkörnern werden einzelne Sandkörner zum Haufen? Zwei? Drei? Fünf? Jede*r kann hier eine eigene Entscheidung treffen, eine “objektive” Lösung dieser Frage gibt es nicht2. Warum diese Frage nicht einfach ruhen lassen und andere Aspekte des Schwangerschaftsabbruchs betrachten?

Schwangerschaftsabbruch als Folge nicht passender Umstände

Es ist unbestreitbar, dass der Körper selbst Schwangerschaftsabbrüche in Form von Fehl- und Frühgeburten vornimmt, wenn die körperlichen Voraussetzungen – die auch von der Umwelt des Körpers beinflusst sind – offenbar nicht passen. Doch auch wenn der Körper nicht “von selbst” handelt, gibt es viele körperliche wie soziale Situationen, in denen die Konsequenzen einer Schwangerschaft eine Katastrophe sein können. Egal, wie die Rechtslage in einem Land ist und egal, wie das Angebot zur Durchführung eines Schwangerschaftsabbruchs ist, ungewolllt Schwangere finden einen Weg, ihre Schwangerschaft abzubrechen. Und nehmen eher den Tod oder schwere gesundheitliche Schäden dabei in Kauf als die Schwangerschaft auszutragen. Rund fünfzigtausend Menschen sterben jährlich an schlecht durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen3. Aus diesem Grund scheint es mir unerlässlich, einen genaueren Blick auf die Umstände zu werfen, die einer Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch zugrundeliegen und nicht darin bestehen, dass das körperliche Wohlergehen der schwangeren Person medizinisch gefährdet ist:

Soziale Ungleichheit, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und andere Widrigkeiten

So kann die Vorstellung, ein Kind auszutragen und großzuziehen, das eine Be_hinderung haben wird, zu einer solchen Überforderung führen, dass ein Schwangerschaftsabbruch der einfachere Weg zu sein scheint. Hier spielen die gesellschaftlichen Normvorstellungen, dass ein Kind „hauptsache gesund“ zur Welt kommen soll, die damit einhergehende Enttäuschung und Angst vor den Blicken der anderen eine tragende Rolle. Auch wenn ein Elternteil oder beide Be_hinderungen haben, kann eine Schwangerschaft überfordern, besonderns aber kann auch der Druck von außen sehr groß sein, eine Schwangerschaft abzubrechen.

Auch Armut spielt hier eine wichtige Rolle. Wer sich ein Kind oder noch ein Kind “nicht leisten” kann, hat häufig keine andere Wahl. Dass dann auch Verhütungsmittel nicht wenig Geld kosten, ist dabei eine besondere Ironie. Denn wer sich die Verhütungsmittel nicht leisten kann, ist logischerweise häufiger von ungewollter Schwangerschaft bedroht. Auch prekäre Arbeitsverhältnisse (wie zum Beispiel illegalisierte Arbeit) können Grund für einen Abbruch sein.

Auch wer einen unsicheren Aufenthaltsstatus hat, sich gerade auf der Flucht befindet, von Abschiebung bedroht ist, befindet sich in einer denkbar ungünstigen Situation für eine Schwangerschaft. Gerade auch hier ist der Zugang zu Verhütungsmitteln häufig äußerst schwierig.

Auch psychische Probleme können dem Vollenden einer Schwangerschaft im Wege stehen. Ebenso Krankheit, eine Abhängigkeit oder mangelnde Selbstständigkeit.

Viele weitere Gründe hängen mit den sexistischen Strukturen unserer Gesellschaft zusammen. So kann die Ursache für eine Schwangerschaft in sexualisierter Gewalt liegen. Weiterhin wird bis heute häufig die alleinige Verhütungsverantwortung bei den potenziell schwängerbaren Menschen gesehen. So können besonders gewisse Männlichkeitsbilder so weit gehen, dass der schwängernde Part sich weigert, dem Verhütungswunsch der anderen Person nachzukommen. Auch mangelnde Aufklärung und geschlechtliche Rollenbilder können gerade bei jungen Menschen eine ungewollte Schwangerschaft verursachen.

Viele Gründe, die Menschen zum Abbruch einer Schwangerschaft bewegen, haben damit zu tun, dass diese Menschen gewisse Privilegien nicht genießen, die für das Aufziehen eines Menschen (in Deutschland) notwendig sind oder sogar aus ihrer gesellschaftlichen Position heraus dazu gezwungen sind, eine Schwangerschaft abzubrechen. Bereits hier wird klar, dass die Forderung über Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu kurz greift. Eine Entscheidung zum Abbruch einer Schwangerschaft ist häufig gesellschaftlich bedingt und von dem abhängig, wie andere Menschen im Umfeld einer ungeplant schwangeren Person auf die Schwangerschaft reagieren.

Unterstützung…

Das führt uns zu dem nächsten, überaus wichtigen Punkt, nämlich, dass die Entscheidung zu einem Abbruch einer Schwangerschaft viel mit dem Umfeld einer Person zu tun hat. Wer vom Umfeld Unterstützung bekommt, wird eher die Schwangerschaft austragen, als wenn die Person von ihrem Umfeld sogar dazu gedrängt wird, eine Schwangerschaft abzubrechen. In einigen Umfeldern kann es auch sein, dass aus konservativen, rassistischen oder sonstigen gruppenbezogen menschenfeindlichen Motiven heraus die Schwangerschaft gar nicht erst ans Licht kommen darf – weil eine*r der Zeugungsbeteiligten nicht den Vorstellungen dieses Umfelds entspricht oder weil der Sex nicht nach Absolvierung bestimmter Rituale wie z. B. einer Hochzeit stattgefunden hat – und heimlich abgebrochen werden muss, da die Person vermutlich sonst aus der Gemeinschaft verstoßen würde oder schwer bestraft. Auch ob der schwängernde Part oder der*die Partner*in(nen) einer Person bereit oder dazu in der Lage ist oder sind, Verantwortung zu übernehmen, kann ausschlaggebend für diese Entscheidung sein.

… und Isolation

Genau dieser Aspekt, dass von der Unterstützung der schwangeren Person durch andere Menschen viel abhängt, führt uns zu einem weiteren Punkt, nämlich dass die schwangere Person diejenige ist, die nach Unterstützung suchen muss. Denn von schwangeren Personen wird erwartet, dass sie allein in erster und letzter Instanz für das Kind verantwortlich sind. Im Zweifelsfall bleibt die Fürsorge für das Kind an der schwangeren Person hängen. Alleine. Damit wird ein Kind zu einer enormen Belastung und Einschränkung in der Gestaltung des eigenen Lebens, kann die betroffene Person vollkommen überfordern und kann sogar das Überleben beider gefährden.

Von Anfang an hat der schwängernde Part sehr viel weniger Verantwortung zu tragen. Ob bei der Balz oder beim Sex und bei der Sicherstellung der Verhütung. Im Zweifelsfall kann er sich immer aus dem Staub machen. Das wird potenziell schwanger werden könnenden Menschen auch von Anfang an eingetrichtert. “Im Zweifel bist du der Depp.” Das liegt aber nicht nur daran, dass die Beteiligung am Zeugungsprozess – im Laufe der Schwangerschaft – beim schwängernden Part nicht so sichtbar ist wie bei der schwangeren Person. Spätestens ab der Geburt ist das ja auch bei der gebärenden Person nicht mehr sichtbar. Sondern auch daran, dass andere die schwangere Person in der Verantwortung sehen. Alternativ könnte mensch sich ja vorstellen, dass bei einer Schwangerschaft alle Familienmitglieder der schwangeren Person sich in der Verantwortung sehen. Oder das Dorf. Oder die Wohngemeinschaft. Oder der schwängernde Part und seine Familie. Hätte man ihm seit seiner Kindheit gesagt, dass wenn er mal eine Person schwängert, die Verantwortung im Zweifelsfall bei ihm oder bei seiner Familie liegt und nicht immer wieder Verständnis oder Zustimmung dafür mitbekommen hätte, wenn der schwängernde Part keine Verantwortung übernimmt, dann käme er vermutlich nur im schlimmsten Notfall auf die Idee, diese Verantwortung von sich zu schieben.

Zwar gibt es für ungewollt schwangere Personen Möglichkeiten, die Verantwortung für ein Kind abzugeben, indem sie es zur Adoption frei- oder in eine Pflegefamilie geben können. Das ist gesellschaftlich allerdings stark stigmatisiert. Die schwangere Person wird immer die bleiben, die ihr Kind im Stich gelassen hat – sehr viel mehr als der schwängernde Part – und das Kind wird immer das sein, das unerwünscht war und dessen Mutter4 es alleine gelassen hat.

Die völkische Kleinfamilie und die Rolle der Mutter

Sowieso wird die Rolle der gebärenden Person als leibliche Mutter extrem überhöht und zum wichtigsten Bezugspunkt und als perfekte Versorgungsinstanz für ein Kind verklärt. Diese Erwartungen setzen (ungeplant) schwangere Personen natürlich extrem unter Druck. Wenn sie den Eindruck haben, diesen Erwartungen nicht entsprechen zu können oder zu wollen, kann auch dies ein Grund für den Abbruch einer Schwangerschaft sein.

Auch die deutsche Kleinfamilie befördert die Konzentration der Verantwortung für das Kind bei der gebärenden Person und kann extrem einschränkend wirken. Bis heute ist es in Deutschland strukturell so angelegt, dass die gebärende Person mehr Schwierigkeiten hat, sich zum Beispiel in der Arbeitswelt zu behaupten und Karriere zu machen – wenn sie das möchte – als der schwängernde Part. Genauso ist es strukturell so angelegt, dass es Vätern schwerer gemacht wird, viel Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen, wenn diese das möchten. Anderen Familienstrukturen5 wird es deutlich schwieriger gemacht, ein Kind großzuziehen.

Abgesehen von der einseitigen Verteilung der Verantwortung für das Kind bringt das Idealbild der deutschen Kleinfamilie einen weiteren höchst problematischen Punkt mit sich: Die deutsche Kleinfamilie ist nämlich nur dann perfekt, wenn es sich um eine blutsverwandte handelt, wenn also das Kind von den beiden Elternteilen gezeugt wurde. Damit wird auch völkisches Gedankengut weiter hochgehalten. Ein adoptiertes Kind wird immer Mitleid von den anderen erhalten, weil es nicht bei seinen leiblichen Eltern aufgewachsen ist. Und das ist der Punkt. Kinder können ruhig auch bei den Menschen aufwachsen, die es gezeugt haben, jedoch sollen Kinder, die mit anderen Bezugspersonen aufwachsen, nicht stigmatisiert werden, weil sie nicht oder entfernter mit ihren Bezugspersonen verwandt sind.

So ist auch immer dann eine ungeplant schwangere Person am meisten auf sich alleine gestellt, wenn sie keine Familie hat oder keine, mit der sie sich versteht. Maximale Wahlfamilie, die für viele in Deutschland vorstellbar ist, ist, eine*n Partner*in, für viele sogar nur eine*n Ehepartner*in zu haben.

Selbstbestimmung unter der Lupe

Bei Betrachtung all dieser Umstände wird klar, dass ein leichter, freier, sachlicher und informierter Umgang mit und Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen nicht ausreicht, um Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu erlangen. Die gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland sind zu repressiv gegenüber dem schwangeren Körper, als dass Selbstbestimmung dann in greifbarer Nähe wäre. Wie wir sehen konnten, sind viele Entscheidungen zu Schwangerschaftsabbrüchen gesellschaftsbedingt. Viele Abbrüche müssten zum Beispiel nicht sein, wenn die Schwangerschaftsverhütung nicht von so vielen einschränkenden Faktoren bestimmt wäre. Wenn Rassismus, Ableismus und andere gruppenbezogen menschenfeindlichen Ansichten nicht wären. Wenn wir das Patriarchat bereits überwunden hätten sowie Kapitalismus und soziale Ungleichheit. Und wer wäre nicht froh, die Entscheidung zu einem Schwangerschaftsabbruch gar nicht erst treffen zu müssen? Freier, leichter, sachlich informierter Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen ist notwendig und wichtig. Keinen Grund zu einem Abbruch der Schwangerschaft zu haben, noch besser.

Die Unterwerfung des gebärfähigen Körpers

Die Ansichten unserer fundamentalistisch-christlichen Abtreibungsgegner*innen, die in etwas abgeschwächter Form bis heute die deutsche Gesellschaft bestimmen, haben ihren Anteil daran, dass Menschen einen Abbruch ihrer Schwangerschaft für notwendig halten, sei es die Überhöhung der Mutterrolle, toxische Männlichkeitsbilder, die immer noch mangelhafte Sexualaufklärung und der verkrampfte Umgang mit Sex, die Verklärung der blutsverwandten Kleinfamilie und die Reglementierung und Bevormundung des schwangeren Körpers:

Die Lösung ungeplanter Schwangerschaften war über Jahrhunderte hinweg eine starke Reglementierung und Tabuisierung von Sex und besonders eine starke Unterdrucksetzung und Bevormundung gebärfähiger Menschen. Hier wird auch deutlich, mit welchem Misstrauen und welcher Feindlichkeit gebärfähigen Menschen schon immer konfrontiert waren. Denn die meisten Maßnahmen der Unterdrückung betrafen sie, nicht die zeugungsfähigen Menschen. Ihre Unterdrückung schien die Lösung zur Vermeidung misslicher Lagen durch ungeplante Schwangerschaften. Ein solidarischer Umgang, der alle oder zumindest beide Beteiligte im Zeugungsprozess gleichermaßen mit der Verantwortung des entstehenden Kindes betraut, und auf Vertrauen und Gleichberechtigung statt auf Misstrauen und Unterdrückung basiert, war unvorstellbar. Bis heute hat sich daran nichts geändert, auch wenn es (in Deutschland) heute Möglichkeiten der Kontrolle über den eigenen Körper und der Steuerung von Schwangerschaften gibt, die sich vor einigen Jahrzehnten noch die Menschen kaum erträumen konnten.

Die Auseinandersetzung mit Schwangerschaftsabbrüchen zeigt, dass der Kampf gegen Bevormundung über den schwangeren Körper und für einen unkomplizierten, sachlichen und informierten Schwangerschaftsabbruch nicht losgelöst von einer umfassenden Gesellschaftskritik sein sollte. Der Kampf um Schwangerschaftsabbrüche, auch der Kampf um reproduktive Rechte jeder Art ist eingebettet in viele andere Kämpfe, seien es antikapitalistische, queere, antifaschistische, feministische, antirassistische usw. Dies nicht aus den Augen zu verlieren im Kampf um die komplette Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, ist wichtig, um irgendwann dem Ziel näherzukommen, dass alle Menschen nur dann, wenn sie es wollen, Kinder so bekommen können, wie sie es wollen und mit wem sie es wollen und es auch können.

Fußnoten

1Dieser Text bezieht sich auf den Pro Choice-Aktivismus und das Thema Schwangerschaftsabbruch speziell in Deutschland. Er versucht zwar viele Situationen in Deutschland abzudecken und das Thema intersektional zu betrachten, ist aber aus einer christlich-weißen deutschen Perspektive verfasst und möchte sicher keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Objektivität erheben.

2Außer natürlich bei letzteren, die mit medizinischem Kenntnisstand nichts mehr zu tun haben: wer davon ausgeht, dass bereits ein “vergeudetes” Spermium ein Schwangerschaftsabbruch ist, zeugt von einer lange Zeit vorherrschenden abwertenden Vorstellung des “Schoßes” der potenziell schwanger werden könnenden Person als Aufnahmegefäß für das bereits Mensch seiende Spermium.

3Quelle: UN-Hochkommisariat für Menschenrechte, zitiert in: Hamburger Arbendblatt: UN-Bericht. Zehntausende Frauen sterben jährlich bei Abtreibung. (2016) https://www.abendblatt.de/politik/article208310847/Zehntausende-Frauen-sterben-jaehrlich-bei-Abtreibungen.html, letzter Zugriff: 19.10.2018.

4Die Kursivierung soll auf die gesellschaftliche Zuschreibung der gebärenden Person als Mutter, zum Beispiel wenn diese dem Kind und seinem Umfeld nicht bekannt ist, unabhängig von ihrer eigenen Geschlechtsidentität, aufmerksam machen und den mit diesem Bild verbundenen Ansprüchen und Erwartungshaltungen.

5“Familie” im Sinne dieses Artikels bezeichnet die Solidarstruktur, die die Verantwortung für das Großziehen eines Kindes übernommen hat oder übernehmen will, unabhängig von Verwandtschaft.

Ein Fötus ist (k)ein Zellhaufen! – Plädoyer für eine differenzierte Sicht auf Schwangerschaftsabbrüche

Dieser Artikel wurde im Juli 2017 zuerst bei der Antisexistischen Aktion München veröffentlicht. Eine Überarbeitung desselben ist in Planung.

Singend und betend ziehen sogenannte „Lebensschützer*innen“ durch die Städte, postieren sich singend und betend vor Abtreibungskliniken und Beratungsstellen und treiben Mitarbeitende, Beratung suchende Personen sowie Personen, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen wollen, in den Wahnsinn. Sie werfen ihnen „Kindsmord“ vor, sprechen von „Massentötungen“, von „Orten des Tötens“. Auch wenn ihre Protestform skurill ist, ihre Methoden den Schwangeren gegenüber emotionale Erpressung, ihre Worte drastisch, ihre Vergleiche (zum Beispiel mit dem Holocaust) morbide und ihre Begründungen aus antireligiöser wie agnostischer und atheistischer Perspektive absurd, so erinnern sie doch an die Zweifel, die jede Überlegung zu Schwangerschaftsabbrüchen begleitet. Handelt es sich bei einem Schwangerschaftsabbruch um ein „Kind“, das aus der Gebärmutter geholt wird? Ist eine Abtreibung dementsprechend ein „Mord“? Hat eine schwangere Person das Recht verwirkt, über ihren Körper zu bestimmen und eine Schwangerschaft abzubrechen, wenn sie diese nicht möchte?

Schwangerschaftsabbruchs-Gegner*innen wie Befürworter*innen gehen wegen dieser Fragen auf die Barrikaden. Befürworter*innen sagen „nein“, kein Kind, kein Mord und volle Selbstbestimmung über den eigenen Körper. „Ein Fötus ist nur ein Zellhaufen“, so wird provokant auf (christlich- fundamentalistische) Abtreibungsgegner*innen reagiert. Doch ist das die richtige Antwort auf deren Kritik? Die Worte von sogenannten „Lebensschützer*innen“ einfach ins Gegenteil zu verkehren, „Kind“ durch „Zellhaufen“ zu ersetzen, Schwangerschaftsabbruch von einem „Verbrechen“ zu einem fundamentalen „Frauen*-/Menschenrecht“ zu erklären, also quasi vor die ganze Gleichung ein Minus zu setzen und ethische Bedenken beiseitezuwischen? Nein, diese Antwort versperrt die Möglichkeit eines differenzierten Blicks auf Schwangerschaftsabbrüche und einer gänzlich anders gelagerten Kritik gegenüber „Lebensschützer*innen“.

Was nicht geleugnet werden kann und wo den Schwangerschaftsabbruch-Gegner*innen Recht gegeben werden muss, ist, dass Schwangerschaftsabbrüche ethisch nicht unbedenklich sind. Schließlich wird sich tatsächlich dagegen entschieden, eine bereits befruchtete Eizelle auszutragen und zu einem Kind wachsen lassen. Natürlich kann ich behaupten, dass ein Kind erst mit Vollendung der Geburt zum Kind wird. Genauso kann ich behaupten, das Kind sei ab der Verschmelzung von Samen- und Eizelle bereits ein Kind. Die berühmte „Paradoxie des Haufens“: Ab wieviel aufeinander gestapelten Sandkörnern werden einzelne Sandkörner zum Haufen? Zwei? Drei? Fünf? Wie wäre es, statt dieser nicht beantwortbaren Frage einen anderen Blick auf das Thema Schwangerschaftsabbruch zu werfen?

Eine zentrale Forderung von Feminist*innen und Antisexist*innen ist die nach Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Aber was heißt „Selbstbestimmung“? Wie „selbstbestimmt“ kann ein Mensch sein, wenn die Vorstellung, ein Kind, das eine Behinderung haben wird, auszutragen und großzuziehen, zu einer solchen Überforderung führt, dass ein Schwangerschaftsabbruch der einfachere Weg zu sein scheint? Sind hier die gesellschaftlichen Normvorstellungen, dass ein Kind „Hauptsache gesund“ zur Welt kommen soll, die damit einhergehende Enttäuschung und Angst vor den Blicken der anderen, die „normale Kinder“ gezeugt haben, nicht alles andere als Selbstbestimmung? Oder die Person, die über eine Abtreibung nachdenkt, weil sie sich finanziell selber kaum über Wasser halten kann und*oder psychische/physische Probleme hat und*oder keine Familie hat, die sie unterstützen könnte, und*oder eine*n Partner*in, der*die ebenso Schwierigkeiten hat oder auch nicht existent ist? Oder die, die 14 Jahre alt ist und bisher nicht einmal für sich selbst sorgen musste? Oder die Person, die Opfer sexueller Gewalt geworden und dadurch schwanger ist, und bei der jeder Gedanke an das Kind triggernd wirkt? Oder diejenige, die von Abschiebung bedroht ist? Alles Menschen, die sich durch äußere Umstände nicht dazu in der Lage fühlen oder es faktisch nicht sind, sich um ein Kind zu kümmern. Die Liste könnte endlos fortgesetzt werden. Was dabei deutlich wird: Schwangerschaftsabbrüche haben etwas mit den Mitmenschen zu tun. Beziehungsweise mit ihrer Abwesenheit. Und damit mit Isolation.

Eins der zentralen Probleme bei all diesen Situationen ist, dass von schwangeren Personen erwartet wird, dass sie allein in erster und letzter Instanz für das Kind verantwortlich sind. Im Zweifelsfall – Partner*in gibt es nicht (mehr), die Eltern oder andere Familienangehörige wenden sich ab oder gibt es nicht – bleibt die Fürsorge des Kindes an der schwangeren Person hängen. Alleine. Damit wird ein Kind zu einer enormen Einschränkung und Belastung in der Gestaltung des eigenen Lebens bis hin zur vollkommenen Überforderung und – gefühlten oder tatsächlichen – Unmöglichkeit, es aufzuziehen. Die Rolle der biologischen Mutter* wird dermaßen überhöht – als wichtigster Bezugspunkt und „perfekte“ Versorgungsinstanz eines Kindes –, dass viele Menschen an diesen Erwartungen scheitern (müssen). Auch wenn es die Möglichkeit gibt, ein Kind zur Adoption frei- oder in eine Pflegefamilie zu geben, so wird die schwangere Person immer die bleiben, die ihr Kind im Stich gelassen hat – sehr viel mehr als der schwängernde Part – und das Kind wird immer das sein, das unerwünscht war und dessen Mutter* es im Stich gelassen hat. Dadurch, dass ein Kind die Verantwortung einer statt vieler Personen ist, dass die Umstände „passen“ müssen, damit eine Schwangerschaft nicht zum Desaster wird – im besten Fall Ehe, Eigenheim und festen Job mit genügend Kohle –, ist es verständlich und zwangsläufig, wenn der einzige Ausweg aus dem Dilemma der nicht passenden Umstände der zu sein scheint, den „Fremdkörper“, der das Leben der betroffenen Person zerstören wird, möglichst schnell und heimlich, bevor es andere mitbekommen, loszuwerden. Wenn es dann dafür keine professionellen Strukturen wie Ärzt*innen, Beratungsstellen etc. dafür gibt, dann wird es halt mithilfe kreativer und häufig gefährlicher bis für die schwangere Person tödlicher Ideen entfernt, oder direkt nach der Geburt getötet. Deswegen sind diese Strukturen so wichtig.

Schwangerschaftsabbrüche wird es immer geben. Auch in einer idealen Gesellschaft, in der all die Situationen, wie ich sie oben geschildert habe, nicht mehr vorkämen, wird es medizinisch notwendige Abtreibungen geben. Denn warum sollte das Leben des Kindes mehr wiegen als das der biologischen Mutter*? Auch ganz ohne menschliche Einmischung kommt es zu Fehlgeburten, wenn es beim Schwangerschaftsprozess Komplikationen gibt. Kinder zu idealisieren und zu überhöhen auf Kosten des leiblichen wie auch psychischen Wohlergehens der biologischen Mutter* – dessen Missachtung zu ihrem* Tod führen kann – ist nicht mit einem ethischen Modell, das allen Menschen gleiche Rechte zuspricht, vereinbar.

Trotzdem sind Schwangerschaftsabbrüche nicht zu verharmlosen und sicher nicht zu verherrlichen, und das Recht darauf, die Schwangerschaft abbrechen zu können, eigentlich nicht einmal als emanzipatorischer Durchbruch zu feiern. Die entsprechenden Strukturen zur sicheren Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen und die Entkriminalisierung von abtreibenden Personen – was bisher in Deutschland dank § 218 StGB immer noch nicht geschehen ist – sind notwendige Schadensbegrenzungen in einer Gesellschaft, die Schwangerschaft als das Problem der schwangeren Person ansieht und überhaupt als „Problem“ – mit Ausnahme der geschilderten „perfekten“ Lebenssituation. In einer Gesellschaft, die die Kleinfamilie überhöht und biologische Blutsbande – mensch ist versucht, hier das Wort „rassisch“ zu verwenden – zum Kern einer Solidarstruktur von Menschen erklärt. Die Verwandten sind zur Unterstützung da. Pech, wenn ihr euch nicht versteht oder wenn du keine hast! Pech, wenn du keine*n Partner*in hast, die*der sich mit dir um dieses Kind kümmert, auch wenn er*sie es vielleicht sogar mitgezeugt hat. Ich plädiere nicht dafür, dass Kinder keine feste(n) Bezugsperson(en) mehr haben sollen. Ich plädiere aber dafür, dass diese unabhängig von Verwandtschaftsgraden – Rasse? – ausgewählt werden können, dass das Leben in Kleinfamilien ersetzt wird durch das Leben in Kommunen (oder Wohngemeinschaften, welches Wort auch immer weniger „gefährlich“ klingt), dass also für eine schwangere Person sich nicht die Perspektive zwischen Schwangerschaftsabbruch und vollständiger Isolation auftun muss. Dass eine Person, die sich um ein Kind nicht kümmern kann, aber halt schwanger ist, sich nicht darum kümmern muss. Dass sie und das Kind aufgefangen werden und nicht Diskriminierung, Tratsch, Mitleid oder sonstigen ausschließenden Reaktionen anderer Menschen ausgesetzt sind, dass die eine als „schlechte Mutter*“ und das andere als „ungeliebtes Kind“ abgestempelt werden. Damit eine solche – befreite – Gesellschaft eines Tages möglich wird, muss sie noch mit viel mehr Strukturen und Vorstellungen brechen, die auszuführen leider den Rahmen dieses Artikels sprengen würden. (1)

Eine solche ideale Gesellschaft würde Schwangerschaftsabbrüche, aus medizinischen wie auch aus anderen Gründen, trotzdem nicht verhindern – das ist auch nicht das Ziel. Den Wunsch einer schwangeren Person, diese Schwangerschaft nicht durchlaufen zu müssen, ernst zu nehmen und ihr die die Erfüllung dieses Wunsches zu ermöglichen, ist essenziell für ein solidarisches Miteinander. Doch für keinen Menschen ist die Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch eine leichte. Und viele dieser Entscheidungen sind gesellschaftlich bedingt. Sie entpuppen sich als ein verzweifeltes Verhindern der gesellschaftlichen Konsequenzen einer Schwangerschaft „zum falschen Zeitpunkt“ oder „unter den falschen Umständen“. Diese gesellschaftlichen Strukturen, die zu Isolation und auch zu gravierenden Schäden für Kind wie Mutter* führen können, gilt es zu kritisieren und zu bekämpfen. In keinster Weise soll das Engagement für eine Abschaffung des § 218 und für die Einrichtung von Strukturen zum Schwangerschaftsabbruch abgelehnt werden. Doch der Ruf nach Selbstbestimmung durch Feminist*innen und Antisexist*innen greift zu kurz.

Damit kommen wir zurück zu den (christlich-fundamentalistischen) Schwangerschaftsabbruchs- Gegner*innen. Sie haben nicht ganz Unrecht mit ihren ethischen Bedenken, jedoch aus den falschen Gründen (2). Sie richten sich gegen die Falschen. Sie kriminalisieren und verurteilen die schwangeren Menschen, die zumeist Opfer gesellschaftlich repressiver Strukturen sind, statt genau diese zu kritisieren. Sie üben heftigen Druck durch miese psychologische Tricks – wie das Verteilen von Plastikföten – auf die Menschen aus, die eh schon verzweifelt sind. Zusätzlich sind sie Teil dieser gesellschaftlichen Strukturen, die häufig erst den Wunsch nach einem Abbruch hervorrufen. Sie vertreten ein repressives heteronormatives – rassisches? – Kleinfamilienbild, propagieren ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper und die Unterdrückung der eigenen Sexualität. Sie sind heutzutage vielleicht nur noch ein Randphänomen. Doch sie sind (skurilles) Symptom viel weiter verbreiteter und tief sitzender Vorstellungen und Erwartungen. Sich ihnen vor Abtreibungskliniken und vor Beratungsstellen entgegenzustellen, ist wichtig, um die Schwangeren vor diesem zusätzlichen Druck zu beschützen und die erkämpften Rechte zu verteidigen. Sie zu kritisieren geht auch ohne Verharmlosung der unterschiedlichen Dimensionen eines Schwangerschaftsabbruchs. Eine radikal antisexistische und feministische Perspektive darf jedoch nicht bei der Schadensbegrenzung stehen bleiben, sondern muss die Gesellschaft als Ganzes fundamental in Frage stellen und bekämpfen.

(1) Als Beispiele seien der Tausch- und Eigentumsgedanke, der des egoistischen Wesens des Menschens, Arbeit oder Geld genannt.

(2) Zum Beispiel, dass ein Schwangerschaftsabbruch eine Sünde sei, weil der Mensch „ein Geschöpf Gottes“ sei und damit jede befruchtete Eizelle auch eins, und ja, deswegen nicht „umgebracht“ werden dürfe. (vgl. z. B. http://www.kostbare-kinder.de/, um einen Eindruck christlich-fundamentalistischer Argumentationen zu bekommen). Eine ausführliche (christlich- fundamentalistische) Religionskritik würde leider ebenfalls den Rahmen dieses Artikels sprengen.